Vom Wein zur Aperoschale: Eine Geschichte über Kurven und Kurzschlüsse
- CreaKauz

- 5. Apr.
- 2 Min. Lesezeit
Es fehlen genau zwei Zentimeter. Das Schleifband frisst sich durch das massive Glas der Magnumflasche, das Wasser spritzt, die Konzentration ist am Maximum – und plötzlich: Stille. Und absolute Dunkelheit.
In diesem Moment, klatschnass in meinem Atelier in Seedorf, musste ich kurz innehalten. Wenn die Sicherung rausspringt, genau 20 Millimeter vor dem Ziel, dann weißt du: Das ist echtes Handwerk. Aber spulen wir erst einmal elf Jahre zurück.
2014: Wo alles begann (Die gerade Linie)
Meine Reise mit den "halben Flaschen" startete 2014. Das Restaurant Krone in Zürich kam mit einer ungewöhnlichen Frage auf mich zu: „Kannst du Weinflaschen längs halbieren?“ Klar konnte ich! Mit einer Diamant-Bandsäge bewaffnet, wagte ich mich an 60 halbe Literflaschen.
Damals haben wir die Flaschen sogar noch selbst geleert (ein harter Job, aber jemand musste es ja tun 😉). Die größte Herausforderung war die Suche nach Flaschen ohne Schraubverschluss. Ich schnitt sie damals schnurgerade und schliff die Kanten auf einer Tellerschleifmaschine glatt. Es war der Anfang einer langen Lernkurve.

Die Evolution: Wenn der Schnitt Wellen schlägt
Letztes Jahr, beim Auftrag für das Auberge des Clefs in Lugnorre, wollte ich mehr. Die Technik veränderte sich: Ich führte die Flaschen in einer Art Wellenlinie durch die Säge. Das sieht nicht nur schöner aus, sondern sorgt auch für eine gleichmäßigere Optik der Hälften.
Der Haken? Die Tellerschleifmaschine war für Kurven nicht gemacht. Also hieß es: Handarbeit. Jede Kante wurde individuell geschliffen, bis sie perfekt für den Einsatz beim „Wine and Dine“ als Aperoschale war.

Das aktuelle Projekt: Magnum-Herausforderungen im „Schlüssel“
Mein neuester Auftrag für das Restaurant Schlüssel in Muttenz hat mir mal wieder gezeigt: Glas ist nicht gleich Glas. 12 Weinflaschen und mehrere wuchtige Magnumflaschen standen auf dem Plan.
„Man kann die Arbeitszeit bei Unikaten nie zu 100 % einschätzen – jedes Stück Material reagiert anders.“
Trotz frischer Schleifbänder wehrte sich das Glas hartnäckig. Und dann kam der besagte Kurzschluss im Atelier. Nur dank meines Mannes saß ich nicht lange im Dunkeln und konnte die letzten „Meter“ (oder eben Zentimeter) doch noch vollenden. Mit Schleifpads in aufsteigender Körnung habe ich jeder Hälfte den letzten Schliff verpasst – inklusive einer regelmäßigen Eigendusche durch das Schleifwasser.
Warum ich es trotzdem liebe
Handgemachte Stücke haben ihren Preis, und das aus gutem Grund. Perfektion ist mein Ziel, auch wenn ich sie (gefühlt) noch lange nicht erreicht habe. Aber genau diese Unwägbarkeiten – das widerspenstige Material, die nassen Füße und die fliegenden Sicherungen – machen das Ergebnis so wertvoll.
Diese Flaschen sind jetzt bereit für ihren großen Auftritt im Restaurant Schlüssel. Ein zweites Leben für das Glas, ein echtes Unikat für den Tisch.
Eure Bettina von CreaKauz













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